Dirk Steffens beim Volksbank-Agrarforum „im Herzen von OWL“

Klimawandel und Artensterben: Landwirtschaft ist Teil der Lösung

(v.l.) Matthias Kruse (Vorstand Volksbank Bad Salzuflen), Moderator Jürgen Osterhage und Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens, freuten sich über die gute Resonanz des ersten Volksbank-Agrarforums.

Harsewinkel. Dirk Steffens hat sich von Wölfen küssen lassen. Er seilte sich an Wasserfällen ab und wich Lavabomben an Vulkan-Kratern aus. Vor allem aber hat der Wissenschaftsjournalist („Terra X“ im ZDF) in 25 Jahren 120 Länder bereist, um den Kreislauf der Natur zu verstehen. 400 Landwirte aus Ostwestfalen-Lippe hörten nun beim ersten Volksbank-Agrarforum, was der Dokumentarfilmer zu sagen hat über Klimawandel, Artenschutz und die Zukunft der Landwirtschaft.

Vor allem hofften die Versammelten auf Lösungen. Denn auch die hiesige Agrarwirtschaft hat zu kämpfen: Den Landwirten in Ostwestfalen-Lippe machen Klimawandel, Preisdruck und Bürokratie besonders stark zu schaffen. Das ergab eine „Mentimeter“-Umfrage zu Beginn des Agrarforums im Technoparc der Firma Claas in Harsewinkel.

Trockenheit und Starkregen machen Bauern in OWL zu schaffen

Extreme Wetterbedingungen wie die Dürreperioden in 2018 und 2019 haben oft geringere Ernten mit schlechterer Qualität zur Folge, und regionale Ereignisse wie Starkregen führen zu Totalausfällen, wie Hermann Dedert berichtete. Der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbands Herford-Bielefeld stand am Freitag mit auf dem Podium, um gemeinsam mit Dirk Steffens und anderen Fachleuten zu diskutieren. Eingeladen hatten die Volksbanken Bad Oeynhausen-Herford, Bad Salzuflen, Bielefeld-Gütersloh und Halle/Westfalen. (Die Moderation übernahm der langjährige ARD-Korrespondent Jürgen Osterhage.)

„Wir müssen eigentlich von einer Ökokrise sprechen“, stellte Dirk Steffens klar. Das Klima sei dabei nur einer von neun wichtigen Bausteinen, damit Menschen auf der Erde leben können. Letztlich hänge alles mit allem zusammen, aber das Gefährlichste im Moment sei das „unablässige, gleichzeitige Aussterben von Arten“, das schlimmste seit Aussterben der Dinosaurier. Etwa 150 Tierarten gingen täglich verloren. Für die Landwirtschaft besonders wichtig: „In dramatisch kurzer Zeit verlieren wir Fluginsekten“, so der 52-jährige Fernsehmoderator. (Messungen hätten übereinstimmend einen Rückgang um 75 Prozent binnen 30 Jahren gezeigt.) In manchen Gegenden, etwa in China, müssen Obstbäume heute von Hand bestäubt werden. Und in den USA werden winzig kleine Roboter entwickelt, die die Arbeit von Bienen übernehmen sollen.

Zwölf Milliarden Hektar für acht Milliarden Menschen

Hinzu kommt, dass weltweit die landwirtschaftlich nutzbare Fläche knapp wird. Für demnächst acht Milliarden Menschen stehen nur zwölf Milliarden Hektar Nutzfläche zur Verfügung. Theoretisch reicht das, doch Europäer leben auf großem Fuß: Jeder beansprucht allein so viele Ressourcen, wie vier Hektar hergeben. „Wir verbrauchen den Ertrag von eineinhalb Erden pro Jahr“, warnte Dirk Steffens. Das gehe nur so lange gut, wie wir noch etwas „auf dem Sparbuch haben“ – fossile Ressourcen wie Öl, Kohle und Gas, aber zum Beispiel auch Holz.

Vorbildliches F.R.A.N.Z.-Projekt

Was also tun? Die konventionelle Landwirtschaft radikal umbauen? Schließlich kommen etwa 50 Prozent der Treibhausgase aus der Landwirtschaft. Selbst wenn die Biohöfe ihren aktuellen Anteil von etwa vier Prozent verdoppeln würden, brächte das nach Ansicht von Dirk Steffens fast nichts. Vielmehr müsse man „die konventionelle Landwirtschaft so entwickeln, dass wir eine Landwirtschaft haben“. „Sensationell“ sei beispielsweise das Verbundprojekt F.R.A.N.Z., in dem Ökologen und Ökonomen für mehr Vielfalt in der Agrarlandschaft zusammenarbeiten (www.franz-projekt.de). „Da geht es nicht darum zu sagen, dass man nicht mehr spritzen darf, sondern bei gleichbleibenden Erträgen die Artenvielfalt zu steigern.“ Zustimmendes Nicken in der Runde. „Der Bauer, bei dem ich war, hat damit sogar einen kleinen Reibach gemacht“, verriet Dirk Steffens. Andreas Westermeyer, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Gütersloh, freute sich über die äußerst positive Einschätzung. Er berichtete, dass Jürgen Freiherr von Morsey-Picard ebenfalls am F.R.A.N.Z-Projekt teilnimmt und auf seinem Hof in Halle praxistaugliche und wirtschaftliche Naturschutzmaßnahmen testet.

Bauern fühlen sich wie „Prügelknaben“

Deutlich wurde während der Diskussion, wie sehr sich viele Bauern wie „Prügelknaben“ fühlen, zerrieben durch massives „Bauern-Bashing“. Landwirte befinden sich in einem Dilemma: Wenn sie an einer Stellschraube drehen, gibt es an einer anderen Stelle Probleme im Dreiklang von Ökologie, Ökonomie und Sozialem. „Uns stört das Unverständnis, das der Landwirtschaft entgegenschlägt“, brachte es Andreas Westermeyer auf den Punkt. „Ähnlich wie beim Fußball mit seinen 82 Millionen Bundestrainern gibt es in Deutschland praktisch 82 Millionen Agraringenieure, die meinen, alles besser zu wissen als wir.“ Andreas Westermeyer plädierte dafür, verstärkt auf die Wissenschaft, auf Fachleute und auf die Landwirtschaft zu hören.

„Verlorene Jahre“

„Auch wir spüren eine große Frustration bei den Landwirten“, berichtete Sonja Schürmann, Agrarkundenbetreuerin der DZ Bank in Münster. „Sie zeigen Mut und haben Ideen. Sie wissen nur nicht, in welche Richtung es gehen soll.“ Die Folge: Derzeit werde eher mit angezogener Handbremse oder außerhalb der Landwirtschaft investiert. „Doch das sind verlorene Jahre“, betonte Sonja Schürmann. Sie verwies auf eine neue Branchenanalyse der DZ Bank mit dem Titel „Landwirtschaft unter Druck“. Demnach dürfte die Zahl der Höfe von derzeit 267.000 bis zum Jahr 2040 auf rund 100.000 sinken.

„Der größte anzunehmende Unfall“

„Ich habe nie verstanden, dass Landwirtschaft und Umweltschutz gegeneinander arbeiten. Das ist der größte anzunehmende Unfall“, sagte Dirk Steffens, der selbst von einem Obsthof in Norddeutschland stammt. Eigentlich müsse man gegen die Politik arbeiten und gegen eine „kleinteilige Regelungswut“. Er schlug vor, dass die Politik Ziele benennen und die Bauern selbst entscheiden lassen soll, wie sie diese Ziele erreichen. Hermann Dedert forderte in diesem Zusammenhang verlässliche Rahmenbedingungen von der Politik: „Was wir heute einstielen, das müssen wir auch in 20 Jahren noch so machen dürfen.“ Sonst seien langfristige Investitionen einfach zu riskant. (Außerdem sei die Landwirtschaft nicht nur in der Lage, große Mengen an CO2 einzusparen. Sie könne über den Humus auch viel CO2 im Boden speichern.)

Über Milchpreis und Tierwohl

Ein wichtiger Aspekt ist für den Fernsehmoderator die Preisbildung im Supermarkt: „Solange die Menschen nur 70 Cent für den Liter Milch bezahlen, brauchen wir über Tierwohl nicht zu reden. Sie, die Landwirte, können die Preise nicht beeinflussen. Dafür brauchen wir die Politik. Da ist der Hebel.“

Clever sein und in Systemen denken

Abschließend gab Dirk Steffens den Anwesenden mit auf den Weg: „Hören Sie bloß nicht auf, Landwirtschaft zu betreiben.“ Diese sei nicht der Feind der Biodiversität und des Klimas, „wenn wir sie auf eine Weise betreiben, die ins System passt.“ Historisch betrachtet habe die Artenvielfalt sogar zugenommen durch die Abwechslung von Feld und Wald. „Die Hälfte der Fläche in Deutschland liegt in Bauernhand. Es kommt auf Sie an.“

Dirk Steffens zog das Fazit des Tages: Clever sein, genau hinschauen und immer in Systemen denken. Das sei der Weg, der neue Chancen eröffnet.